Nazis raus - aber wohin?
Der traditionelle Antifaschismus bedarf einer Generalüberholung

(Berlin / Gauting - März 1991) - Wie ist zu verhindern, dass die in Ostdeutschland grassierenden sozialen Ängste in Rechtsextremismus umschlagen? Antwort auf diese gesamtdeutsche Schicksalsfrage suchten unlängst Jugendbeauftragte der alten und neuen Bundesländer auf einer Fachtagung im Münchener Gauting, zu der das dort beheimatete Institut für Jugendarbeit des Bayerischen Jugendringes eingeladen hatte. Ihr Thema: "Nach der Vereinigung: Rechtsextremismus im Aufwind? "

Die Beschäftigung mit dieser Problematik hat nicht nur angesichts aktueller Schlagzeilen etwas Brisantes. Denn unter Deutschlands Intellektuellen werden die rechten Radikalisierungstendenzen unterschiedlich bewertet. Die einen erklären die Existenz ostdeutscher Rechtsradikaler u. a. mit der "kämpferischen Ablehnung der Wirklichkeit, wie sie bis zum Herbst 1989" in der ehemaligen DDR bestanden habe und schlussfolgern: "Rechtsextremismus'' sei ein bloßer Popanz der Linken, aufgebaut zum Zwecke der Destabilisierung der Demokratie in Deutschland. Andere meinen, die Reduzierung des Problems rechter Dynamik auf DDR-Widersprüche verkenne die europäische Dimension des Rechtsextremismus.

Konsens bestand bei den Tagungsteilnehmern in Gauting darin, dass rechtsextreme Wirklichkeitsdeutungen und Politikangebote verstärkt Resonanz unter deutschen Jugendlichen finden. Der freie Fall in die Marktwirtschaft habe ostdeutschen Jugendlichen auch die sozialen Schattenseiten der deutsch-deutschen Vereinigung erleben lassen und sie mit dem Realitätsverlust etablierter Politik konfrontiert. Die Beteiligung der Jugendlichen an der zur Schicksalswahl hochstilisierten Bundestagswahl 1990 sei immerhin die niedrigste seit 1949 gewesen. Hinzu komme, dass die Neuen Rechten aus den "Fehlern" der Vergangenheit gelernt haben und sich modernistisch vom Faschismus deutscher Prägung distanzieren. Kalkulierte Regelverletzungen sind, für Rechtsextreme Formen effizienter Öffentlichkeitsarbeit, z.B. der "Dialog" mit Linken und das "Zugehen" auf die Friedens- und Bürgerbewegungen.

Prof. Kurt Möller, renommierter Pädagoge und Jugendforscher von der Fachhochschule Esslingen, brachte das Dilemma auf den Punkt: Jeder Jugendliche wird zum Planungsbüro seines eigenen Lebenslaufes, aber die Planungsunterlagen fehlen. Angesichts des erheblichen Vertrauensverlustes deutscher Politiker bestehe Grund zu der Befürchtung, dass Rechtsextremismus als ein Mittel im Kampf um einen Platz auf der Sonnenseite der Gesellschaft legitim werde. Rechtsextremismus sei insofern auch kein Problem sozialer Randgruppen, sondern treibe auf der geistigen Ebene sein Unwesen im Zentrum der Gesellschaft. Rechtsextreme von heute rekrutierten sich sowohl aus den Verlierern als auch aus den Gewinnern der modernen Industriegesellschaft.

Die Politik und der traditionelle Antifaschismus, so die Einschätzung der Praktiker aus Ost- und Westdeutschland, "reagieren" auf die neuen Herausforderungen mit Ratlosigkeit oder Resignation. Die einen gestehen mit dem Ruf nach mehr Polizei ihre eigene Hilfs- und Ideenlosigkeit ein. Die anderen tun sich schwer, weil die neue Qualität der Anziehungskraft der Neuen Rechten mit der Kontinuität zum Faschismus nicht erklärbar ist. Was also tun, wenn die Waffen gegen den Rechtsextremismus stumpf geworden sind und Antifaschismus als solcher in Ostdeutschland - teils berechtigt, teils unberechtigt - diskreditiert ist?

Jugendarbeit muss, will sie nicht zum Formalismus erstarren, nicht an den Problemen ansetzen, die Jugendliche schaffen, sondern die Jugendliche haben. Übereinstimmung bestand darin, dass die tagtäglich spürbare Übermacht wirtschaftlicher und sozialer Zwänge keinen Raum für Optimismus bei dieser Art von Problemlösung lässt. Einer Überprüfung hinsichtlich ihrer tatsächlichen Nützlichkeit bedürfen die Losung der autonomen Antifa-Gruppen "Schlagt die Faschos, wo ihr sie trefft" sowie das zur Parole geronnene Credo "Nazis raus". Die Durchsetzung "nazifreier Zonen" in Jugendeinrichtungen sei vermutlich ebenso wenig hilfreich wie die vergleichbare Isolation Aids-Infizierter. Denn, so die These, wie können wir gegen verbale und tatsächliche Gewalt ankämpfen, wenn wir die subjektiven Motive hierfür nicht kennen?

Die Beseitigung der objektiven Ursachen für Rechtsextremismus von heute, die vor allem in der anhaltenden ökonomischen Teilung Deutschlands und sozialer Ungerechtigkeiten gesehen wurden, bleibe jedoch zuallererst Aufgabe des Staates und seiner Regierung. Gerade deshalb müsse aber Jugendarbeit, wolle sie etwas bewirken, auch als politische Einmischung ver- standen und von Politikern nicht missverstanden werden.