Die zweite Reihe drängelt
Gönnt sich die CDU eine Alternative zum Parteivorsitzenden Kohl?

(Bonn - September 1992) - Wenige Wochen vor dem Wahlparteitag der CDU in Düsseldorf hat das Rätselraten über Kandidaten und deren Chancen für die vier Stellvertreter-Posten im Parteivorsitz und die sieben Plätze im CDU-Präsidium Konjunktur. In den Hitlisten taucht ein Reservoir prominenter Namen auf: Wolfgang Schäuble, Volker Rühe, Rita Süßmuth, Norbert Blüm, Erwin Teufel... auch die bisher einzige Kohl-Stellvertreterin und Vorzeigefrau aus dem Osten, Angela Merkel, ist weiter im Rennen. Seit dem Wochenende meldet auch ein Sachse Ambitionen auf den Parteivize-Sessel an, des Freistaats Innenminister Heinz Eggert.

Kein Zweifel, frisches Parteiblut drängt nach vorn. Denn oft wird vergessen, daß die CDU auch in ihrer zweiten Reihe über profilierte Köpfe verfügt, die jedoch im öffentlichen Bewusstsein kaum eine Rolle spielen. Zu Unrecht. Denn es sind Vertreter einer sich in der CDU neu herauskristallisierenden Gruppe, die neue Politikansätze formuliert und dadurch in der Partei für frischen Wind und neue Hoffnung sorgt. Solche Hoffnungsträger sitzen vor allem in den Landesparlamenten, der alten wie der neuen Bundesländer, und auch in Bonn.

Den Verdacht, als "Querdenker" in Konfrontation mit dem CDU-Vorsitzenden Helmut Kohl zu geraten und auf beschäftigungsintensive Posten abgeschoben zu werden, weist Dr. Jürgen Rüttgers (Jahrgang 1951), 1. Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, zurück: "Wenn jemand anderer Meinung ist als der Parteivorsitzende, dann ist das keine Majestätsbeleidigung." Zudem habe Helmut Kohl 1989 auf dem Bremer Parteitag vor einer Verbonzung der Partei gewarnt und 1993 zum Jahr der Erneuerung in der CDU erklärt. In der Tat hat die CDU in den letzten Jahren junge Leute gefördert, die heute die Personalreserve der Partei bilden und die jederzeit nach vorn treten können. Neben der Berufung von Dr. Rüttgers in die Führung der Unionsfraktion hat vor allem die Beauftragung von Dr. Reinhard Göhner (Jahrgang 1953) als Vorsitzender der CDU-Grundsatzkommission überrascht. Der Parlamentarische Staatssekretär im Justizministerium erhielt damit die Chance, die Rahmendaten seiner Partei direkt zu beeinflussen. Auch der stellvertretende Vorsitzende der CDU-Grundsatzkommission, der sächsische Umweltminister Arnold Vaatz, gehört zur zweiten Reihe.

Den Willen, nach 10 Jahren Regierungsverantwortung die eigenen Fundamente zu erneuern, artikuliert in der CDU eine Generation, die ihre politischen Lehrjahre in den 70er Jahren hatte und die nachvollziehen kann, daß die derzeitige Art der Parteiarbeit viele abschreckt. An ihrem neuen Politikverständnis werden sich noch manche in der eigenen Fraktion reiben. So etwa an der Frage ihres 1. Parlamentarischen Geschäftsführers, was denn Politiker legitimiere in Aufsichtsgremien von Unternehmen zu sitzen?

Solche Befindlichkeiten, die auch in Richtung einer wieder stärkeren Diskussion von "mehr Demokratie wagen" und Bürger-Selbstbestimmung gehen, wird nicht nur von der 23 Mitglieder starken jungen Gruppe der CDU/CSU-Bundestagsfraktion um den CDU-Abgeordneten Dr. Friedbert Pflüger (Jahrgang 1955) geteilt. Zuspruch erfahren die Bonner Partei-Rebellen generationsübergreifend vor allem aus den Landes- und Ortsverbänden der CDU. Gemeinsam will man das Wunder vollbringen, eine Partei, ihre Partei, noch in der Regierungszeit zu erneuern, um damit den Weg über die Oppositionsbank zu vermeiden.

Beunruhigt ist die CDU über Vorwürfe aus den Reihen der deutschen Wirtschaft, daß die Kompetenz der CDU in Wirtschaftsfragen schwinde. Dr. Göhner räumt ein, daß die CDU in diesem Bereich in der Regierung über keine herausragende Persönlichkeit verfüge. In der Fraktion sehe das allerdings schon anders aus. Mit Manfred Carstens (Jahrgang 1943) als Mitglied der CDU-Mittelstandsvereinigung und Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister der Finanzen sind die Christdemokraten durchaus in wirtschaftliche Entscheidungsprozesse eingebunden. Als Vorsitzender des CDU-Landesverbandes Oldenburg mit Direktmandat in den Bundestag gewählter Abgeordneter (stärkster CDU-Wahlkreis in Deutschland) hat Manfred Carstens zudem ein eigenes politisches Hinterland, das ihn in gewisser Weise unabhängig macht. Die Tatsache, dass die neuen Hoffnungsträger sowohl mit der Parteibasis verzahnt sind, als auch über den direkten Kontakt zur CDU-Spitze verfügen, hat die Gruppe bisher unangreifbar gemacht.

Auf dem Düsseldorfer CDU-Parteitag geht es jedoch um weit mehr als nur Personalfragen. Es geht um das künftige Profil der CDU, das damit verbunden ist.