Transformiert und umzingelt:
Wohin fliegt die "transformierte" Bundeswehr?

(Würzburg / Juli 2005) - Für Artilleristen, die gewöhnlich von ganz weit hinten nach ganz weit vorn schießen und fliegendes Gerät ebenso nur aus der Ferne kennen, ist der Bundeswehrstandort Veitshöchheim eine eher unbekannte Größe. Bisher. Artillerie-Oberstleutnant (OTL) Withold Pieta, der kürzlich in der Balthasar-Neumann-Kaserne von Veitshöchheim seinen Dienst als neuer Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Division Luftbewegliche Operationen (DLO) antrat, wird dies mit seinem Mitarbeiterstab ändern. Sein Wechsel vom Heerestruppenkommando in Koblenz nach Würzburg ist Folge einer sich innerhalb der Bundeswehr vollziehenden grundlegenden Umstrukturierung, die das "Zentrum für Transformation der Bundeswehr" in Waldbröhl, das 2004 aus dem Zentrum für Analysen und Studien der Bundeswehr hervorging, gegenüber der Öffentlichkeit als "Umwandlung von etwas Bestehendem in etwas Neues" zu erklären versucht.

Neuer Kernauftrag

Seit Deutschland, einem politischen Auftrag der Bundesregierung folgend, auch am Hindukusch in Afghanistan verteidigt wird, sieht sich die Bundeswehr auf ihren Auslandseinsätzen nicht nur von Freunden umzingelt. Die Konfrontation mit dem meist unsichtbaren Feind verlangt zugleich auch Tapferkeit vor dem Freund - weltweit. "Wir haben früher zu Zeiten des Kalten Krieges Landesverteidigung als Hauptauftrag gesehen. Doch das Wahrscheinlichste, was uns passiert", beschreibt Oberstleutnant Pieta die momentane Situation, "sind Einsätze in Afghanistan, im Kosovo und in den Vereinigten Arabischen Emiraten." Es werden heute andere Streitkräfte gebraucht, "weil die Erfordernisse andere sind". Zwar habe sich die Bundeswehr, der 1989 der Feind im Osten abhanden gekommen ist, schon längst in der Umstrukturierung befunden, doch bevor die angestrebten neuen militärischen Strukturen eingenommen wurden, sei mit der so genannten Transformation begonnen worden. Diese Anpassung an aktuelle Sicherheitsgegebenheiten und finanzielle Möglichkeiten wird die Bundeswehr innerhalb von acht Jahren von 310.000 Soldaten (2002) auf eine Sollstärke von 250.000 Mann im Jahre 2010 reduzieren. "Transformation heißt aber nicht, dass wir kleiner werden müssen, weil Deutschland kein Geld mehr hat oder die Bundesregierung nicht bereit ist, mehr Geld auszugeben", stellt OSL Pieta klar.

Die Bundeswehr wird beweglicher

Das eigentliche Ziel der Transformation sind kleinere, beweglichere militärische Strukturen. Aus allen Teilstreitkräften (Heer, Marine, Luftwaffe) werden derzeit Spezialkräfte abgezogen, die künftig eine 35.000 Mann starke Einsatzgruppe mit vernetzter Operationsführung bilden sollen. Diese Einsatzkräfte werden schrittweise mit der besten Bewaffnung und Ausrüstung ausgestattet und befähigt waffengattungsübergreifend zusammenzuarbeiten. Unterstützt wird die für den Kampf speziell ausgebildete Truppe von so genannten Stabilisierungskräften, die der kämpfenden Truppe auf dem Fuß folgen. Darüber hinaus sollen rund 127.000 Unterstützungskräfte den Nachschub garantieren, wo immer auf der Welt diese Truppe auch kämpfen sollte.

Erhöhte Verfügbarkeit - erhöhte Kampfkraft

Die Division Luftbewegliche Operationen, zu denen der Standort Veitshöchheim gehört, wird personell und materiell in besonderer Weise von der Transformation der Bundeswehr profitieren, denn weltweite Hilfs- oder Kampfeinsätze setzen zwangsläufig ein Höchstmaß an Luftbeweglichkeit voraus. "Wenn wir die Zielstruktur in 2010 eingenommen haben", so der Presseoffizier, "werden wir von 10.000 Soldaten auf 14.700 Mann angewachsen sein." Gleichzeitig werden die Einsatzkräfte der Bundeswehr in die Lage versetzt, im Rahmen der UNO, der Europäischen Union oder der NATO mit Einsatzkräften anderer Armeen einen gemeinsamen multinationalen Stab zu bilden, der gemeinsame Operationen weltweit koordiniert. Neues Gerät, wie beispielsweise der Panzerabwehrhubschrauber "Tiger", der in Donauwörth bei EADS gebaut wird, soll spätestens Anfang 2007 in Dienst gestellt sein. Und noch etwas wird sich ändern. Die Kampfhubschrauber der Bundeswehr werden zur "fliegenden Kavallerie". Bislang untypische Waffengattungen, wie Artillerie, Flug- und ABC-Abwehr machen aus den Heeresfliegerkontingenten luftbewegliche Infanterieregimenter. "Wir unterstützen dann nicht mehr nur die kämpfende Truppe", erklärt Pieta. "Wir werden befähigt, selbst zu kämpfen. Wenn eine Operation, und das ist die neue Dimension, politisch beschlossen, militärisch beraten und international akzeptiert ist, dann müssen und werden wir in der Lage sein, in kürzester Zeit in solche Operationen zu gehen."

Mehr Risiken

In dem Maße wie sich der Kernauftrag der Bundeswehr geändert hat und sich die Verteidigungsfähigkeit von Deutschland u.a. am Hindukusch erhöht, verändert sie sich an Deutschlands völkerrechtlichen Grenzen. Hier gilt ein deutlich verringertes Bedrohungsszenario. Standen in den achtziger Jahren zur Verteidigung Deutschlands beispielsweise noch 86 Artillerie-Bataillone bereit, werden es nach abgeschlossener Transformation der Bundeswehr nur noch acht sein. Eine Zahl, die nicht ausreichen würde, um die Bundesrepublik auf konventionelle Weise zu verteidigen. Für Oberstleutnant Pieta eindeutig ein Zeichen dafür, das die Transformation der Bundeswehr in eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik eingebettet sein muss. Ob eine transformierte Bundeswehr mit Einsätzen im Inneren, deren Möglichkeit derzeit in Deutschland kontrovers diskutiert wird, allein schon personell überfordert wäre, ist derzeit noch eine theoretische Frage. Tatsache jedoch sei, dass sich die Truppe bereits mit terroristischen Bedrohungen im Ausland konfrontiert sieht und lernt diese realistisch einzuschätzen und auf sie angemessen zu reagieren.

Indes auch die Bundwehr hat nicht auf alle Fragen eine Antwort. Zum Beispiel: Wie kommt die Bundeswehr, wenn sie in die Konflikte hineingeht, aus diesen wieder heraus. Diese Frage muss noch gestellt werden. An die Politik.

Weiterführende LINKS
www.bundeswehr.de
www.bwb.org (Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung) www.deutscheatlantischegesellschaft.de
www.uni-kassel.de/fb5/frieden (AG Friedensforschung an der Uni Kassel)
www.hsu-hh.de (Helmut-Schmidt-Universität, Universität der Bundeswehr Hamburg)
www.kas.de (Konrad Adenauer Stiftung, Publikationen Außenstelle Washington)
www.bpb.de (Bundeszentrale für politische Bildung)
www.iabg.de (IABG - Industrieanlagen-Betriebsgesellschaft mbH)
www.esg.de (Elektroniksystem- und Logistik-GmbH)