Bekommen Deutsche ihre Wolga-Republik?
Bundesdeutsche Vertriebenen-Fronten sehen ihre Felle davonschwimmen

(Moskau / Leipzig - März 1992) - Die vom russischen Präsidenten Boris Jelzin Anfang März verfügte Bildung zweier deutscher Nationalkreise im Gebiet der früheren Republik der Wolgadeutschen wirbelt politischen Staub auf. Während sich die russischen Politiker mit diesem Zugeständnis von deutscher Seite Wirtschaftshilfe erhoffen, artikuliert die Wolga-Bevölkerung ihre Angst vor einer neuen deutschen Oberhoheit.

Versprach Jelzin bei seinem Bonn-Besuch im November im Überschwang etwas, was in seiner Heimat nicht durchzusetzen ist?

Klar ist nur eines: Diese deutschen Kreise, die sich zur Zeit in der Ukraine und andernorts etablieren, wurden zum politischen Spielball. Prominentester Anwalt deutscher Interessen in einem Teil der GUS ist dabei der "Bund der Vertriebenen" (BdV) in Deutschland. Der Dachverband von 21 Landsmannschaften steht nun vor der Entscheidung, eine brückenschlagende oder eine konfliktschaffende Organisation zu werden.

Von der deutschen Wirtschaft sehen sich die Vertriebenen-Funktionäre bereits als Störfaktor fehlgedeutet. Ihr kompromissloser und vor allem lautstarker Kampf um jeden Quadratmeter ehemals deutschen Bodens jenseits von Oder und Neiße nährt das Bild vom "bösen Deutschen". Und das in einer sich herausbildenden neuen Ordnung, wo es Marktchancen gibt, von denen noch kein deutscher Unternehmer ernsthaft zu träumen vermag. Gefragt sind heute keine starken Worte, sondern Investitionen, die - das Machbare zuerst - zunächst wirtschaftliche Inseln des Aufschwungs und Wohlstandes im Osten Europas schaffen.

Zu ebensolchen Innovationszentren werden die Deutschen Kreise in der GUS ausgebaut. Noch dieses Jahr sollen Mustersiedlungen in der sogenannten Freihandelszone Ostpreußen bei Königsberg der Öffentlichkeit präsentiert werden. Lediglich der Vorstoß des CDU-Abgeordneten Wilfried Böhm zur Schaffung einer "russisch-deutschen Republik Königsberg" zugunsten der Russlanddeutschen stößt noch auf Genschers Ablehnung.

In Folge dieses wirtschaftspolitischen Drucks sieht sich der BdV vor einer Zerreißprobe. CDU und CSU wünschen eine mehr "konstruktive Mitwirkung" an einer "zukunftsorientierten Politik". Doch die Alten-Phalanx im BdV-Präsidium klammert sich weiter an die politisch nicht opportune Forderung nach entschädigungsloser Rückgabe früherer deutscher Ostgebiete. Die als Hardliner verschrienen Vertriebenen um BdV-Funktionär Herbert Hupka fürchten gar, dass die Ostgebiete ohne ihr Zutun wieder deutsch werden.

Im Gegensatz zu ihnen hat der Nachwuchs-Politiker Hartmut Koschyk die Zeichen der Zeit erkannt. Er, der noch im April 1990 erklärte, der BdV denke bei seiner Forderung nach Anschluß aller ehemaligen Ostprovinzen an das vereinigte Deutschland "in den Grenzen von 1937", trat im Juni letzten Jahres als BdV-Generalsekretär zurück - wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten über den künftigen Kurs des BdV.

Seither muss sich der CSU-Bundestagsabgeordnete von den Vertriebenen zwar als "Spaltpilz" beschimpfen lassen, weiß jedoch mit seinem gen Osten Zeichen setzenden Schritt die "uneingeschränkte Unterstützung" der CSU im Bundestag hinter sich. Landesgruppenchef Bötsch nannte es ein "Zeichen von Mut", wenn mit ab, ob das Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarn freundschaftlich bleibt. Dabei müssen sich die Vertriebenen mit der Tatsache abfinden, daß die deutsche Wirtschaft im Rahmen der Sanierung Osteuropas sehr viel schneller vor Ort erfolgreich sein wird.

Ob allerdings die jüngst von einer konservativen Zeitung kolportierten "unbestätigten Meldungen aus Bonn" stimmen, wonach Helmut Kohl bei einer Stabsbesprechung im Kanzleramt Anfang Oktober 1991 den Ministerialdirigenten von Hammerstein beauftragt habe, Pläne zur Auflösung des BdV nach der nächsten Bundestagswahl auszuarbeiten, darf sicher getrost bezweifelt werden. Eine ganz andere Frage ist es, ob in Bezug auf die instabile Situation in den Republiken der GUS das ökonomisch Sinnvolle auch das politisch Vernünftige ist. Denn konzentriert sich der Aufschwung dort zunächst nur auf die von besagten deutschen Kreisen getragenen Freihandelszonen, wird eine soziale Explosion der dortigen Bevölkerung wahrscheinlicher. Obwohl es sich vor allem an dieser Frage entscheidet, ob Jelzin nicht nur ein großer Oppositionspolitiker sondern auch ein großer Präsident ist, sollte Deutschlands Wirtschaft die Kontakte zu den anderen GUS-Republiken nicht vernachlässigen.