Heraklit von Ephesos: "Wasser ist das Reinste und das Scheußlichste"
Helfen ja, aber wie ?

(Würzburg / Leipzig - September 2002) - Die Macht der Flut erlebten die Menschen im trocken gebliebenen Teil Deutschlands aus der Macht der Bilder, die ihnen das Fernsehen allabendlich ins Haus brachte. Diese Macht erweist sich als vergänglich. Heute reden nicht mehr annährend so viele Menschen über dieses Naturereignis als noch vor Wochen. Während für die Flutopfer das Ringen mit den Auswirkungen der Flut noch lange anhalten wird, beginnen neue Fernsehbilder die Flut aus dem Bewusstsein der vom Hochwasser Verschonten zu verdrängen. Gerade deshalb ist es wichtig daran zu erinnern, dass die Brücken der Solidarität, die in kürzester Zeit entstanden sind, nicht zwangsläufig ein Bau für die Ewigkeit sein müssen. Solidarität will gelebt sein - von beiden Seiten. Brücken, das haben die Tage der Flut gezeigt, können über Nacht einstürzen. Wie aber schützt man solche Bauwerke, die aus dem Bewusstsein einer - unmittelbar oder mittelbar - erlebten Ohnmacht entstanden ?

"Panta Rei" ("Alles fließt") sagten die alten Griechen, wenn sie mit Hinweis auf Heraklit von Ephesos (um 540 bis um 480 v. u. Z.) vor der lebendigen Kraft der Urgewalten warnten: "Vernünftige Einsicht zu haben, ist die größte Tugend, und Weisheit ist es, Wahres zu reden und gemäß der Natur zu handeln, indem man auf sie hört."

Als ich von der zerstörerischen Kraft des Wassers hörte, hatte ich zuvor im Garten den Rasen gesprengt und nach trockenen Tagen in Bayern - vergeblich - auf Regen gehofft. Insofern war es makaber in den 20-Uhr-Nachrichten zu erfahren, dass andernorts das Hab und Gut anderer davonschwamm. Helfen ja, aber wie? Das Flehen des Bürgermeisters von Grimma vor laufenden Fernsehkameras ließ eine Ohnmacht erahnen, die auf Überforderung der Krisenmanager, zumindest in den ersten Fluttagen, schließen ließ.

Doch auch die freiwilligen Helfer, die, wie ich, spontan den Flutopfern zu Hilfe eilen wollten, jedoch nicht dem Technischen Hilfswerk oder anderer Hilfsorganisationen angehörten, waren der Ohnmacht nahe. Mit ihnen konnte niemand etwas anfangen. Eine Krisenzentrale, die den Einsatz freiwilliger Helfer landes- und bundesweit koordinierte, schien es nicht zu geben. Katastrophenschutz ist Ländersache, hieß es unter Hinweis auf zentrale Koordinierungsstellen der Länder vor Ort. Und von dort bekam man im August u.a. zur Antwort, dass es "bisher noch keine abgestimmte Koordination der Helfereinsätze gibt".

Die Brücken der Hilfe zwischen den Menschen - sie befanden sich erst im Aufbau. Später, als die Flüsse in ihr Bett zurück fanden, stellte sich nicht nur mir die Frage: Ist ein Katastrophenschutz in der alleinigen Hoheit der Bundesländer bei Katastrophen, die nicht vor Ländergrenzen halt machen, noch auf der Höhe der Zeit? Wer managt eigentlich die Krisen der Krisenmanager der Länder und sorgt dafür, dass Ländergrenzen, wenn die Dämme brechen, nicht zu Verteidigungslinien von Länderkompetenzen verkommen ?

Als unerwarteter Retter in der Not für Helfer auf dem Trockenen, die die Verbindung zu Flutopfern suchten und sie über staatliche bzw. kommunale Stellen nicht fanden, erwies sich, neben persönlichen Kontakten, das Internet. Interessanterweise war das World-Wide-Web weit weniger störanfällig als seine Kritiker es wahrhaben wollten. (Vermutlich auch deshalb, weil die WebServer auf dem Trockenen standen.) Selbst als die Flut am höchsten stand, Telefonate nicht mehr zustande kamen, konventionelle wie auch elektronische Post unbeantwortet blieb, man als Datensatznummer in schnell angelegten Helferdatenbanken von Hilfsorganisationen und Ministerien verschwand oder an Krisentelefonen von Pontius zu Pilatus verbunden wurde, blieben die WebServer u.a. von Grimma und Dresden erreichbar. Sie wurden zu Kommunikationsbrücken, die so manchen Helfern den Weg dorthin wies, wo die Not am größten war. Ob wohl alle Städte und Gemeinden diese Form des Brückenbauens nutzten und weiterpflegen?

Helfer in der Not - es gibt sie auch heute noch. Gerade jetzt, wo die Macht der Bilder der Macht des Faktischen und des Marktes wieder zu weichen beginnen, wo Geld und staatliche Hilfen nicht all das ersetzen können, was die Flut genommen hat, werden die Brücken zu Menschen, die helfen wollen und können (und das nicht nur mit Geld!) wichtig. Bitte meldet Euch! Die Adressen von hilfsbereiten Menschen haben u.a. die Initiative für Dresden und die Innenministerien der von der Flut betroffenen Bundesländer bzw. deren lokale Krisenstäbe.